Willst Du Deine Konzentrationsfähigkeit zerstören? – Betreib Multitasking!

Alle 11 Minuten unterbrechen wir im Durschnitt unsere Arbeit. Ganz ehrlich? – ich schaffe das sogar noch öfter. Vor allem E-Mail und Mobiltelefon halten uns gerne von unserer eigentlichen Aufgabe ab. Doch schnell auf E-Mails antwortet und keine Nachricht verpasst ist doch produktiv, oder nicht?

Während das Gefühl von Produktivität den Multitaskern recht gibt – das sind alle die, die gerne mal mehrere Aufgaben gleichzeitig erledigen – sieht die Forschung das ganz anders.

Musikhören hilft mir beim Arbeiten! Schnell einen Song skippen, eine neue Playlist anmachen oder gleich den Song mitsummen. Auf dem linken Bildschirm wird an dem Bericht geschrieben, während der rechte Bildschirm alle aktuellen E-Mails anzeigt. >>Pling<< – schon wieder eine Nachricht, da antworte ich mal lieber gleich.

Jugendliche sind besonders stark betroffen, sie wachsen schon mit den scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten des Multitaskings auf – vor allem digitales Multitasking. „Ich langweile mich, wenn nicht alles gleichzeitig geschieht, denn alles enthält Pausen“ – so eine 17-jährige, was denn das Gute am Multitasken sei. Das Gefühl ist großartig: Ich schaue meine Serie, lese ein Buch, höre Musik, antworte auf Nachrichten, spiele mit dem Hund, telefoniere – ich bin hochproduktiv.

80% der Befragten* schreiben und lesen E-Mails, während sie mit einem weiteren Medium beschäftigt sind (Internet, fernsehen, Musik hören, SMS usf)

40% der Befragten* lesen, während sie noch mit einem weiteren Medium beschäftigt sind

*einer US Studie zu Konsumverhalten (aus o.g. Buch S224f.)

Doch was passiert wirklich, wenn wir mehr als eine Aufgabe gleichzeitig machen?

Zunächst einmal gibt es kein wirkliches gleichzeitig. So funktioniert der Mensch nicht. Gleichzeitig Aufgaben erledigen, bedeutet schnell zwischen ihnen hin und herzuwechseln. Vom Fernseher zum Buch, zum Handy, zum Buch, zum Fernseher, zum Gesprächspartner und wieder zum Fernseher. Das alles passiert so schnell, dass es sich wie >>gleichzeitig<< anfühlt.

Im Grunde genommen kann man sich Aufmerksamkeit wie eine eigene Einheit im Gehirn vorstellen. Sie bekommt Informationen, was gerade für eine Aufgabe ansteht und sucht dann passend dazu hilfreiches Wissen heraus und stellt Denkleistung zur Verfügung. Jede Aufgabe stellt natürlich andere Ansprüche an uns. Die „Aufmerksamkeitseinheit“ hilft uns dabei immer die richtigen Mittel bereitstehen zu haben (Denkkapazität so gesehen). Jetzt ist aber diese Aufmerksamkeitseinheit nicht unendlich stark, sondern genau wie ein Muskel (das Gehirn kann als großer Muskel betrachtet werden) auch mal erschöpft und muss sich erholen. Tun wir mal für einen Moment so als wüssten wir genau wie lange diese Einheit durchhält – in diesem Artikel sind es 5-schwierige Aufgaben pro Tag.


Wir haben ein Meeting, da müssen wir uns konzentrieren und kompetent auftreten.
Wir müssen uns für ein Projekt in ein neues Thema einarbeiten.
Wir schreiben einen Bericht zum Monatsabschluss.
Wir spielen mit unseren (hypothetischen) Kindern.
Und zuletzt üben wir noch Gitarre.


Das waren 5 Aufgaben. Theoretisch müssten wir die alle gut hinkriegen. Doch auch alle anderen Aufgaben verbrauchen Denkleistung. Stellen wir uns das Meeting einmal genauer vor:

Wir sitzen am Konferenztisch und hören zu. Unsere Aufmerksamkeit sucht wie wild nach relevanten Informationen und versucht die wesentlichen Punkte der Präsentation aufzunehmen. >>Handy vibriert<< – die Vibration teilt unserer Aufmerksamkeitseinheit mit, dass wir jetzt in den Whatsapp Modus schalten; sofort brauchen wir ganz andere Ressourcen als für das Meeting. Wer schreibt? Wie ist die Beziehung zu der Person? Welche relevanten Erinnerungen habe ich dazu? Das Sprachzentrum stellt auf „Kumpelsprache“ um, die Gedanken schweifen ab. Schnell die Nachricht beantwortet und zurück ins Meeting. Unsere Aufmerksamkeitseinheit arbeitet immer noch auf Hochtouren, um uns perfekt für Whatsapp vorzubereiten, doch was ist jetzt? >>Oh Gott, schnell zum Meeting zurück alles stehen und liegen lassen<<, denkt sie sich. Das ganze Programm wird gestoppt und ein neues eingeleitet. Meeting, Arbeitskontext, relevante Erinnerungen, Sprache anpassen, wichtige Punkte des Meetings antizipieren, erfassen, verarbeiten. Wir sind stolz, dass wir etwas kommentieren konnten, die Kollegen nicken. Schon vibriert das Handy wieder. Zack, ausgeklinkt. Die Aufmerksamkeitseinheit lässt wieder alles stehen und liegen und versucht zu antizipieren, was jetzt auf uns zukommen könnte. Eine E-Mail? Eine Whatsapp Nachricht? Ein Anruf? Schon bricht wieder Chaos aus. Nach 30 Sekunden ist das Spektakel auch wieder vorbei. Zurück zum Meeting.

Das ist anstrengend. Wir mussten gerade mehrfach komplett unterschiedliche Aufmerksamkeitsprogramme hoch und wieder runterfahren, dass wir schon nach kurzer Zeit unsere Aufmerksamkeitseinheit erschöpft haben. Konzentration ist so nicht möglich.

So ungefähr läuft Multitasking ab. Dieser Artikel wurde bis zu dieser Stelle übrigens 2x unterbrochen. Einmal habe ich aus Gewohnheit mein E-Mail-Konto aufgerufen und dann kurze Zeit später habe ich bei Whatsapp Nachrichten gelesen. Beides hatte keine Relevanz für meine Aufgabe (dieser Artikel) und es bestand auch kein zeitlicher Druck irgendwelche Nachrichten zu beantworten.
Was hat Multitasking für Auswirkungen auf uns?

Die neurologische Basis für das Denken ist „kognitive Kontrolle“. Das ist ein mehr oder weniger Konzept. Ich kann mehr oder aber weniger Kontrolle über mein Denken haben. Mit kognitiv sind bewusste Denkprozesse (Kognitionen) gemeint – „höheres Denken“ sozusagen. Aufmerksamkeit ist ganz eng mit kognitiver Kontrolle verbunden. Wer sein Denken kontrolliert, kann auch mehr leisten.

Das waren unendlich viele Jahre Neurowissenschaften auf 7 Sätze heruntergebrochen.

Gefällt Dir das Thema? Dann werden Dir wahrscheinlich auch die Bücher von Manfred Spitzer und Cal Newport gefallen, die absolute Experten auf diesem Fachgebiet sind und beide Bestseller darüber geschrieben haben.

Digitale Demenz von Manfred Spitzer

Deep Work von Cal Newport (deutsche Version)
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Jetzt können wir ganz einfach feststellen, ob Multitasking gut oder schlecht für uns ist. Unser Ziel ist es mehr Kontrolle ausüben zu können, denn das bedeutet mehr Produktivität, mehr Leistung, mehr Macht usf. -Achtung, mit Intelligenz hat das erstmal nichts zu tun-

Die Antwort ist so eindeutig wie einfach. Ich lasse dafür einfach einen Experten zu Wort kommen:

„Menschen, die häufig gleichzeitig mehrere Medien nutzen, weisen Probleme bei der Kontrolle ihres Geistes auf. Bei allen geistigen Fähigkeiten, die man beim Multitasking benötigt, schneiden die Multitasker signifikant schlechter ab als die Nicht-Multitasker- Sogar beim Wechsel von Aufgaben, was ja bei Multitaskern Standard ist, sind sie deutlich langsamer als die Nicht-Multitasker.“ S234 Digitale Demenz von Manfred Spitzer – Neurobiologe, Psychiater und Direktor der Psychiatrischen Uniklinik Ulm (eine der renommiertesten Forschungseinrichtungen Deutschlands)

Er schreibt außerdem, dass es wahrscheinlich ist, dass die Multitasker nicht von vornerein blöder sind und Aufgaben schlechter bewältigen und sich schlechter konzentrieren können, sondern, dass diese Defizite antrainiert sind. Oberflächlichkeit und Ineffektivität entspricht nicht der Natur des Menschen, das sind Merkmale, für die Du und Ich selbst verantwortlich sind. Wer der Meinung ist gut Multitasken zu können, täuscht sich wahrscheinlich selbst.

Was machen wir jetzt damit? Wie kann ich denn nicht-Multitasken?

Die Antwort steckt in einem anderen Konzept: Deep Work

Mehr dazu gibt es bei Cal Newport oder meinem Artikel, der ungefähr erklärt, wie Deep Work funktioniert.meinem Artikel, der ungefähr erklärt, wie Deep Work funktioniert.

 

Beste Grüße

-Julius

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